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31. Mai 2000

"Mit'm Kremser int Jrüne" -

Warum eigentlich "Kremser"?

 

Über Berlins berühmtesten Personenkutscher

 

Von
Ulrich Werner Grimm

Berlin hat ihn vergessen, die Berliner nicht. Weder ein Denkmal noch ein Platz, keine Straße oder Gasse erinnern an den Vater des Berliner öffentlichen Personen-nahverkehrs. Im Gedächtnis der Menschen dagegen lebt sein Name weiter: Vor allem am Vatertag fahren noch heute gestresste Großstädter "mit 'm Kremser int Jrüne". Die überdachten, an den Seiten offenen Pferdewagen sind seit 175 Jahren eine Attraktion. In Verkehr brachte sie de Fuhrunternehmer Simon Kremser (1775-1851).

Was wir von seinem Leben wissen, liest sich wie der Stoff zu einem Historienfilm. Simon Kremser war Sohn eines jüdischen Kaufmanns aus dem schlesischen Zülz. Die seit 1671 in Brandenburg-Preußen lebenden Juden hatten unter Verfolgung und weniger als halbherziger Duldung zu leiden. Das sollte sich erst mit den preußischen Reformen etwas ändern, als Friedrich Wilhelm III. 1812 das "Emanzipationsedikt" verkündete, das den Juden u.a. die preußische Staatsbürgerschaft zubilligte. Vorausgegangen war dem die Zeit "tiefster Schmach", die Napoleon 1806 Preußen zugefügt hatte. In den Kriegen jener Zeit soll der jüdische Fuhrmann Kremser als "Königlich preußischer Kriegscommissarius" in den Diensten Blüchers gestanden haben. Von diesem mit dem Transport der Kriegskasse betraut, rettete sie Kremser auf schwierigem Rückzug vor dem Feind. Der König soll Kremser die Heldentat mit Eisernem Kreuz, "Pour le mérite" und dem Privileg einer exklusiven Fuhrunternehmerexistenz in Berlin gedankt haben.

1813 beginnt die "nationale Erhebung" gegen die napoleonische Fremdherrschaft. Was oft vergessen wird: Auch viele Juden kämpften auf preußischer Seite in den Befreiungskriegen. Unter ihnen war in Blüchers Schlesischer Armee wiederum Simon Kremser. 1814 ist Napoleon endlich geschlagen. Blücher marschiert in Paris ein. Dort findet man die noch unausgepackte Quadriga des Brandenburger Tores. Napoleon hatte sie nach der Besetzung Berlins als Beutekunst entführen lassen. Die Berliner sahen das als tiefe Demütigung an. Den symbolträchtigen Rücktransport der "Retourkutsche", wie die Quadriga fortan im Volksmund hieß, soll Simon Kremser geleitet haben.

1825 wurde er Berliner Bürger. Mit königlicher Erlaubnis durfte Kremser Personen-kutschen am Brandenburger Tor aufstellen. Kremsers Wagen wurden schnell beliebt. Im Gegensatz zu den "Rippenbrecher" genannten älteren Torfuhrwerken waren sie gefedert und bei Regen überdacht, fuhren zu festen Tarifen und Zeiten und nicht mehr nur dann, wenn es den oft betrunkenen Kutschern passte. Die Kremserschen Rosselenker hatten pünktlich, höflich und zuvorkommend zu sein. Sie waren mit Hüten uniformiert, an denen sichtbar Nummern angebracht waren. So konnten sich die Fahrgäste notfalls gezielt beschweren. Solche Neuerungen revolutionierten den Personennahverkehr der preußischen Haupt- und Residenzstadt.

Ist Kremser 1851 als Jude gestorben? [Er wurde auf einem katholischen Friedhof in Breslau beerdigt.] *  Die Spur seiner Familie [aus seiner zweiten Ehe] * verliert sich um 1938. Nachkommen von Kremser [aus dessen erster Ehe] * leben heute zerstreut auf vier Kontinenten. Wer diese Nachfahren sind, wissen wir erst seit kurzem. Ebenso ist bislang nicht bekannt gewesen, wie Simon Kremser aussah. ... Am 1. März nächsten Jahres könnte Berlin des 150. Todestages Simon Kremsers gedenken.

* Erklärende Textpassagen sind leider durch die notwendige Kürzung des Artikels  in der gedruckten Fassung weggefallen. - U.W.G.

(c) Alle Rechte vorbehalten: Ulrich Werner Grimm

 

 


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